Rituale & Gedenken
Sören Schönnagel
16. Juli 2026
Lesezeit: 8 Minuten
Fünfundzwanzig Jahre Ehe heißen Silberhochzeit. Fünfzig heißen Goldene Hochzeit. Sogar der Tag der Trauung hat einen Namen: Grüne Hochzeit. Fünfundzwanzig Jahre nachdem ein geliebter Mensch oder ein geliebtes Tier verstorben ist, heißt nichts.
Es gibt im Deutschen kein Wort, keinen Anlass, keine Karte, keinen Kalendereintrag, den jemand kennt. Der Todestag kommt jedes Jahr wieder, und jedes Jahr steht man damit allein. Irgendwann ruft niemand mehr an.
Das ist kein Versäumnis Einzelner. Es ist eine Lücke in der Sprache. Und Lücken in der Sprache haben Folgen: Wofür es kein Wort gibt, dafür gibt es keinen Termin. Wofür es keinen Termin gibt, das findet nicht statt. Weil das wichtig ist, haben wir die Tage benannt.
Die Gedenktage im Überblick
Die ersten hundert Tage
| Tag | Name | Was er benennt |
|---|---|---|
| 7. Tag | Tränentag | Die Woche, in der nichts hilft. |
| 30. Tag | Nebeltag | Du funktionierst, mehr nicht. Und klar ist nichts. |
| 49. Tag | Stilletag | Hier ist die erste Ruhe nach dem Lärm. |
| 100. Tag | Dämmerungstag | Es ist nicht mehr durchgehend dunkel. |
Die Jahre
| Jahr | Name | Was er benennt |
|---|---|---|
| 1 | Kerzenjahr | Ein Licht, das man anzündet. Das erste Jahr ist herum. |
| 2 | Samenjahr | Etwas wird gelegt. Zusehen ist noch nichts. |
| 3 | Wurzeljahr | Dieses Etwas hat sich verankert und gehört dazu. |
| 5 | Steinjahr | Fest. Ruhig. Man kann sich daraufsetzen. |
| 10 | Eichenjahr | Gewachsen und gibt anderen Schatten. |
| 17 | Mondjahr | Nicht immer sichtbar und doch immer da. |
| 25 | Bernsteinjahr | Was bleibt, ist warm und klar geworden. |
| 33 | Korallenjahr | Aus vielen kleinen Erinnerungen ist ein etwas großes, verflochtenes geworden. |
| 50 | Gletscherjahr | Was hier ankommt, überdauert Generationen. |
Alle anderen Jahre bleiben, was sie sind: der zweite, der vierte, der neunte Todestag. Sie kommen trotzdem. Sie heißen nur nicht anders.
Wenn du beide Listen nebeneinander legst, fällt dir vielleicht etwas auf. Die Tage sind nach deinem Zustand benannt: Träne, Nebel, Stille, Dämmerung. Die Jahre sind nach dem Zustand der Erinnerung benannt: Kerze, Samen, Wurzel, Eiche, Bernstein, Koralle.
Am Anfang geht es um dich. Später geht es um die Verstorbenen oder die Erinnerungen.
Die Tage sind nicht erfunden. Die Namen schon.
Bevor wir irgendetwas benannt haben, haben wir gesucht – und festgestellt, dass fast jede Kultur der Welt dieselben Abstände kennt.
| Wo | Welche Tage |
|---|---|
| Judentum | 7 Tage (Schiwa), 30 Tage (Schloschim), danach jährlich (Jahrzeit) |
| Katholische Tradition | Messen am 3., 7. und 30. Tag, dann das Jahresgedächtnis |
| Japan (Nenki Hōyō) | 7, 49 und 100 Tage – dann 1, 2, 6, 12, 16, 32 und 49 Jahre |
| Sri Lanka | 7 Tage, 3 Monate, 1 Jahr, 2 Jahre |
| Philippinen | 9 Tage (Pasiyám), 40 Tage, erster Jahrestag (Babáng Luksâ) |
| Mexiko | Día de los Muertos – jährlich, kollektiv |
| Korea, China, Vietnam | jährlich am Todestag, dazu kalendarische Ahnenfeste |
Die Sieben taucht fast überall auf. Die Dreißig auch. Neunundvierzig und hundert Tage finden sich in mehreren buddhistischen Traditionen, unabhängig voneinander. Über Jahrtausende und über Kontinente hinweg sind Menschen zu erstaunlich ähnlichen Abständen gekommen.
Japan hat daraus das genaueste System der Welt gemacht: Gedenkfeiern nach 1, 2, 6, 12, 16, 32 und 49 Jahren. Seit Jahrhunderten schreiben Buddhistische Tempel den Familien vorher einen Brief.
Deutschland hat davon fast nichts behalten. Was übrig ist, sind der Totensonntag, ein stiller Feiertag an dem man nicht tanzen darf, kalendarisch errechnet vor dem ersten Advent und Allerseelen. Beides Tage für alle Toten. Kein einziger Tag, der einem einzelnen Menschen gehört.
Darum ändern Namen etwas
Was einen Namen hat, wird zum Termin
Niemand hat Tage wie die Silberhochzeit verordnet. Diese Tage ist gewachsen, sie heißt je nach Gegend leicht unterschiedlich, und manche Listen streiten bis heute, ob die Hölzerne Hochzeit nach fünf oder nach zehn Jahren kommt. Trotzdem weiß jeder, was sie ist. Trotzdem wird sie gefeiert. Vielleicht weil sie wichtig ist. Auf jeden Fall weil sie einen Namen hat. Der Name kam zuerst.
Hintergrundwissen zum Thema: Trauer
Die Trauerforschung hat das Loslassen abgeschafft
Lange galt: Gesunde Trauer heißt, die Bindung zu lösen. Wer nach Jahren noch mit seinen Toten spricht, hat etwas nicht verarbeitet.
1996 haben Dennis Klass, Phyllis Silverman und Steven Nickman das umgedreht. Continuing Bonds: Die Bindung endet nicht. Sie verwandelt sich. Menschen sprechen weiter mit ihren Toten, behalten ihre Dinge, richten sich nach ihren Sätzen – und das ist nicht krank. Das ist, was Menschen tun. Immer getan haben.
Klass' wichtigste Belege kamen aus der japanischen Ahnenverehrung.
Das ist bemerkenswert. Die Kultur, deren Gedenkintervalle die Grundlage unserer Jahresnamen sind, ist dieselbe, an der die moderne Trauerforschung gelernt hat, dass eine Bindung bleiben darf.
Trauer pendelt
Margaret Stroebe und Henk Schut haben 1999 beschrieben, wie Trauer tatsächlich verläuft: nicht geradeaus, sondern pendelnd. Zwischen dem Verlust zugewandt und dem Leben zugewandt. Mal das eine, mal das andere.
Gesund ist nicht die eine oder die andere Seite. Gesund ist das Pendeln.
Ein Gedenktag ist ein verabredetes Pendeln. Ein Tag, an dem der Verlust dran sein darf – und der wieder aufhört.
Und was ist mit den Trauerphasen?
Die meisten in Deutschland kennen das Vier-Phasen-Modell von Verena Kast. Es ist eine brauchbare erste Landkarte. In der Fachdiskussion gilt es inzwischen als zu normativ: Trauer läuft nicht in Etappen ab, man kann nicht in Verzug geraten, und niemand ist in der falschen Phase.
Die Gedenktage schreiben deshalb keine Phase vor. Sie sagen nicht, wie es dir am dreißigsten Tag geht.
Sie sagen, dass es einen dreißigsten Tag gibt.
Ein Beispiel: Verstorben am 14. März 2001
Der Rhythmus: warum es seltener wird
Am Anfang stehen die Tage dicht: sieben, dreißig, neunundvierzig, hundert. Dann jedes Jahr. Dann alle paar Jahre. Dann alle Jahrzehnte.
Das ist Absicht. Alles, was dich digital erinnert, wird mit der Zeit lauter. Die Gedenktage werden leiser.
Trauer braucht am Anfang Struktur und später Ruhe. Ein System, das im zwanzigsten Jahr so oft klopft wie im ersten, hat nicht verstanden, wofür es da ist. Es soll keine Arbeit sein.
Warum siebzehn und nicht zwanzig: Weil fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig ein Muster ist, das man ausrechnen kann. Ein Gedenktag soll kein Rechenergebnis sein. Und weil die japanische Tradition genau dort einen Tag kennt.

Warum es das gibt
Als ich Hlin aufgebaut habe, wollte ich einen Ort schaffen, an den man gern zurückkommt – einen, den man gern zeigt und teilt, nicht einen, den man einmal anlegt und dann schließt.
Und dann kommt eins zum anderen. Ich empfinde die Trauerkultur in Deutschland als trist. Der Totensonntag ist ein stiller Feiertag, an dem nicht getanzt werden darf. Still ist für mich dunkel und leer. Wenn ich einen geliebten Menschen gehen lassen musste, der gern laut und fröhlich war – darf ich ihn an diesem einen festen Tag im Jahr nicht feiern? Und eine Alternative gibt es nicht.
Halloween haben wir längst übernommen. Wie sinnvoll das ist und ob jeder weiß, wo es herkommt, lasse ich hier offen. Warum nicht z. B. den Día de los Muertos, den Tag der Toten – ein fröhliches Wiedersehen mit den Verstorbenen, die nach diesem Glauben in dieser Zeit ihre Familien besuchen? Wir müssen nicht vergessen. Und wir dürfen mehr als trauern – wir dürfen Erinnerungen bewahren und ein Leben feiern. Es war schön, dass sie da waren.
Mir fehlt da etwas in unserer Kultur, es ist eine Lücke. Also habe ich nach einem Ansatz gesucht, sie zu schließen. Wir haben ein ganzes System, um die Ehe zu feiern. Das ist bekannt und wird genutzt. In den verschiedenen Kulturen gibt es feste Rituale und feste Zeiten. Auch das habe ich genutzt. Und dann habe ich beide Welten kombiniert und auf Hlin angewandt. Fertig.
Ich glaube, Trauer und Erinnerungskultur sind wichtig – und beides ist individuell. Und wenn es jetzt einen Namen gibt, gibt es auch einen Anlass.
Die Namen sind nicht fertig
Nicht jeder Name sitzt schon perfekt. Ist es der Tränentag an Tag 1 oder doch der Nebeltag, passt Steinjahr nach 5 Jahren? Samenjahr, Bernsteinjahr, Gletscherjahr. Es gibt Namen die treffen den Gedanken der Erinnerung gut, bei anderen bin ich mir auch noch nicht zu hundert Prozent sicher.
Das ist kein Fehler im System, sondern ein Normalzustand. Auch die Hochzeitstage hat niemand an einem Tag festgelegt - sie sind über Jahrhunderte gewachsen. Auch wir haben jetzt die Chance einen Grundstein zu legen, damit es für Generationen nach uns zu Normalität wird.
Die Gedenktage stehen in Version 1.0. Wenn dir ein Name falsch vorkommt oder ein besserer einfällt: schreib mir.
Und: Die Namen gehören niemandem. Wenn du sie benutzen willst – als Bestatterin, als Trauerbegleiter, in einem Text, in deinem eigenen Kalender – nimm sie mit. Wir bitten nur darum, die Quelle zu nennen.
Herkunft und Stand
Die Gedenktage wurden von Sören Schönnagel für Hlin entwickelt und am 16.07.2026 erstmals veröffentlicht.
Version 1.0 – 16.07.2026
Recherchegrundlage: Gedenkintervalle in katholischer und evangelischer Tradition, Judentum (Schiwa, Schloschim, Jahrzeit), japanischem Buddhismus (Nenki Hōyō), Sri Lanka, den Philippinen, Mexiko, Korea, China, Vietnam und im Hinduismus.
Lizenz: Namen und Intervalle stehen unter CC BY 4.0. Freie Nutzung, auch kommerziell, unter Nennung von Hlin.
Changelog
- 1.0 – Erstveröffentlichung.